Die Reise der Seele
Warum ich über Tod, Sterben und das mögliche Danach schreibe
Es gibt Themen, die begegnen uns nicht irgendwann im Leben. Sie scheinen uns von Anfang an zu begleiten. Was geschieht nach dem Tod? Diese Frage und die Frage nach dem, was möglicherweise danach kommt, begleiten mich schon einen großen Teil meines Lebens.
Schon während meiner Krankenpflegeausbildung begann ich, mich intensiver mit Sterben und Tod auseinanderzusetzen. Eine Frau, deren Arbeit mich damals sehr beeindruckte, war Elisabeth Kübler-Ross. Sie gehörte zu den Menschen, die es wagten, Sterbenden zuzuhören – wirklich zuzuhören – und offen über Erfahrungen zu sprechen, über die damals noch viel weniger gesprochen wurde als heute.
Ihre Bücher und ihre Arbeit berührten etwas in mir, das mich später durch viele Jahre meines Lebens begleiten sollte.
Wenn Sterbende Menschen sehen, die wir nicht sehen
Auch im Krankenhaus begegneten mir Phänomene, die sich nicht so einfach in unsere alltägliche Vorstellung von Leben und Tod einordnen ließen.
Menschen, die dem Tod bereits sehr nahe waren, erzählten manchmal von verstorbenen Angehörigen.
Sie sahen die Mutter, den Vater oder den Ehepartner, der schon Jahre zuvor gestorben war. Manchmal sprachen sie mit ihnen oder schienen jemanden wahrzunehmen, den wir anderen im Raum nicht sehen konnten.
Natürlich kann man dafür unterschiedliche Erklärungen finden. Medizinische. Neurologische. Psychologische. Und vielleicht auch Spirituelle.
Ich möchte keine davon vorschnell ausschließen.
Aber als junge Krankenschwester stand ich manchmal an einem Bett und spürte sehr deutlich: Hier geschieht etwas, das ich noch nicht verstehe.
Und diese Erfahrungen machten mich neugierig. Nicht ängstlich. Neugierig. Ich begann zu lesen. Über Sterben und Nahtoderfahrungen. Über verschiedene Vorstellungen vom Weiterleben. Später begegneten mir christliche Überlieferungen ebenso wie buddhistische Lehren und schließlich weitere spirituelle Traditionen.
Die Frage blieb dieselbe: Was geschieht mit uns, wenn unser Körper stirbt?
Der Tod gehörte zu meinem Berufsleben
Als Krankenschwester konnte ich dem Tod nicht ausweichen. Ich habe Menschen sterben sehen und erlebt, wie unterschiedlich dieser letzte Abschnitt des Lebens sein kann. Manche Menschen kämpften. Andere wurden still. Manche schienen sich zurückzuziehen. Und manchmal entstand an einem Sterbebett eine eigentümliche Ruhe, die sich kaum beschreiben lässt.
Vielleicht kennen Menschen, die Sterbende begleitet haben, dieses Gefühl. Für einen Moment scheint der Raum anders zu werden. Leiser. Fast so, als würde das Leben selbst den Atem anhalten. Ich habe daraus nie den Anspruch abgeleitet, zu wissen, was nach dem Tod geschieht. Aber ich habe früh gelernt, dass Sterben möglicherweise mehr ist als ein medizinischer Vorgang.
Irgendwann wird aus einer beruflichen Frage eine persönliche
Mit den Jahren verändert sich unsere Beziehung zum Tod. Wenn wir jung sind, ist er häufig etwas, das anderen Menschen geschieht. Später bekommt er Namen und Gesichter. Wir verlieren Menschen, die zu unserem eigenen Leben gehören. Familienmitglieder. Freunde. Menschen, mit denen wir gelacht, gestritten, gesprochen, gefeiert und vielleicht einen Teil unseres Weges geteilt haben.
Und plötzlich lautet die Frage nicht mehr nur: „Was geschieht beim Sterben?“
Sie lautet: „Wo bist du jetzt?“
Vielleicht beginnt an diesem Punkt eine andere Form der Suche. Nicht aus Sensationslust. Nicht, weil wir unbedingt eine geheimnisvolle Welt entdecken möchten. Sondern weil Liebe Fragen stellt, auf die unser Verstand manchmal keine Antwort findet.
Meine eigenen Erfahrungen
Im Laufe meines Lebens kamen zu meinen beruflichen Erfahrungen weitere Erlebnisse hinzu, die meine persönliche Sicht auf den Tod geprägt haben. Ich habe Erfahrungen gemacht, die ich als Kontakte mit Verstorbenen wahrgenommen habe. Einige davon waren sehr klar, andere leise und kaum in Worte zu fassen.
Auch Menschen, die sich das Leben genommen hatten, spielten dabei eine Rolle.
Gerade diese Erfahrungen haben mein Bild vom Tod tief verändert.
Ich begegnete in ihnen nicht der Vorstellung von Strafe und Verdammnis, die Menschen über Jahrhunderte Angst gemacht hat. Was ich wahrnahm, war vielmehr Erstaunen, manchmal Verwirrung und schließlich etwas, das ich nur als ein größeres Erkennen beschreiben kann.
Doch auch hier ist mir eine Unterscheidung wichtig: Das sind meine Erfahrungen. Ich kann sie erzählen. Ich kann beschreiben, was sie in mir verändert haben. Aber ich kann sie nicht zu einer allgemeingültigen Wahrheit für andere Menschen erklären.
Wenn aus einer frühen Suche später eine Antwort zurückkommt
Wenn ich heute auf diese Jahre zurückblicke, erfüllt mich etwas mit besonderer Dankbarkeit. Damals wusste ich nicht, was meine Gespräche bei anderen Menschen hinterlassen würden. Ich sprach über Sterben und Tod, weil mich das Thema selbst tief beschäftigte. Ich teilte Gedanken, erzählte von dem, was ich gelesen und erlebt hatte, und versuchte, dort Worte zu finden, wo häufig nur Angst und Sprachlosigkeit waren.
Viele Jahre später erhielt ich Rückmeldungen von Menschen, die sich noch daran erinnerten. Sie erzählten mir, dass ihnen manches von dem, was ich damals gesagt hatte, geholfen habe. Dass ihre Angst vor dem Tod dadurch kleiner geworden sei.
Vielleicht nicht verschwunden. Aber ein wenig leichter. Solche Rückmeldungen haben mich tief berührt. Denn plötzlich erkannte ich rückblickend einen Sinn in etwas, das damals einfach aus meinem eigenen Suchen entstanden war.
Vielleicht müssen wir einem Menschen gar nicht erklären können, was hinter der letzten Schwelle liegt. Vielleicht reicht es manchmal schon, ein Fenster zu öffnen, wo vorher nur eine Wand zu sein schien.
Warum ich heute darüber schreibe
Und genau darin liegt mein Motiv für diese Reihe. Ich möchte niemandem sagen: „So ist es.“
Ich möchte niemandem einen Glauben nehmen oder einen neuen geben. Ich möchte auch keine Angst durch eine andere Angst ersetzen. Im Gegenteil. Wenn diese Texte nur einem Menschen helfen, dem Tod mit etwas weniger Furcht zu begegnen, haben sie für mich bereits einen Sinn erfüllt. Vielleicht können wir lernen, über das Sterben zu sprechen, bevor wir unmittelbar damit konfrontiert werden. Vielleicht können wir unseren eigenen Vorstellungen begegnen. Unseren Hoffnungen. Unseren Zweifeln. Und auch unserer Angst. Denn der Tod gehört zum Leben, ganz gleich, welches Bild wir uns von dem machen, was danach kommt.
Und vielleicht verliert eine dunkle Tür etwas von ihrem Schrecken, wenn wir beginnen, gemeinsam über das zu sprechen, was dahinter liegen könnte.
Und dann begegnete mir etwas Vertrautes wieder
Vor einiger Zeit sah ich einen Beitrag über die ersten Tage und Wochen nach dem Tod. Vieles darin kam mir erstaunlich vertraut vor. Die Vorstellung einer Übergangszeit.
Das allmähliche Loslassen vom Körper. Orientierung. Lebensrückblick. Die Bedeutung der ersten Tage. 40 Tage. Die Begleitung durch Gebete und Rituale. Und schließlich der Gedanke, dass der Verstorbene seinen Weg weitergeht.
Manches davon erinnerte mich an meine eigenen Erfahrungen. Anderes an Dinge, die ich vor vielen Jahren gelesen hatte.
Und plötzlich dachte ich: Darüber möchte ich schreiben.
Nicht, um jemandem zu sagen, was er glauben soll. Und schon gar nicht, um zu behaupten, ich wüsste, was nach dem Tod geschieht. Ich möchte etwas anderes versuchen.
Eine Reise durch die Vorstellungen vom Danach
In dieser Reihe möchte ich verschiedene Spuren aufnehmen. ir werden dem Christentum begegnen. Dem tibetischen Buddhismus und seinen Vorstellungen vom Bardo. Hinduistischen Traditionen. Alten Totenritualen. Gebeten für Verstorbene.
Den geheimnisvollen Zeiträumen von sieben, vierzig und neunundvierzig Tagen.
Wir werden uns anschauen, woher die Vorstellung einer Silberschnur stammt und warum Menschen seit Jahrtausenden glauben, dass unsere Beziehung zu einem Verstorbenen nicht mit seinem letzten Atemzug endet.
Dabei möchte ich drei Dinge bewusst voneinander unterscheiden:
Was Religionen und alte Traditionen tatsächlich überliefern.
Was spätere spirituelle Lehren daraus entwickelt haben.
Und was ich selbst erlebt habe und heute glaube.
Vielleicht werden wir dabei Gemeinsamkeiten entdecken. Vielleicht auch Widersprüche. Beides darf sein. Denn vielleicht ist das große Geheimnis des Todes viel zu groß, um in eine einzige menschliche Vorstellung zu passen.
Keine Anleitung für das Jenseits
Diese Reihe soll deshalb keine Landkarte sein, auf der steht: Am dritten Tag geschieht dies. Am siebten Tag geschieht jenes. Und nach vierzig Tagen muss eine Seele dort angekommen sein. So einfach möchte ich es mir nicht machen. Vielleicht verlaufen Übergänge überhaupt nicht nach unserer irdischen Uhr.
Aber wenn Menschen in weit voneinander entfernten Kulturen seit Jahrhunderten Rituale entwickeln, um Sterbende und Verstorbene zu begleiten, dann finde ich es wert, genauer hinzuschauen.
Vielleicht erzählen diese Rituale ebenso viel über die Lebenden wie über die Toten. Vielleicht helfen sie beiden beim Loslassen.
Was können wir tun?
Und damit komme ich zu dem Grund, warum mir diese Reihe heute besonders wichtig ist. Wenn ein geliebter Mensch stirbt, fühlen wir uns oft hilflos. Wir können den Tod nicht verhindern. Wir können den anderen nicht festhalten. Aber vielleicht können wir begleiten. Mit unserer Stimme. Mit einer Berührung. Mit einem Gebet. Mit einer Kerze. Mit einem Ritual. Oder einfach mit den Worten:
Ich liebe dich.
Danke.
Du darfst gehen.
Vielleicht bedeutet Loslassen nicht, einen Menschen aus unserem Herzen zu entlassen. Vielleicht bedeutet es, unsere Liebe zu verwandeln.
Von einer Liebe, die festhalten möchte, in eine Liebe, die sagt: Geh deinen Weg.
Was jenseits dieser Schwelle liegt, weiß ich nicht wirklich. Ich habe meine spirituellen Erfahrungen gemacht, doch das ist kein Wissen oder Beweis für das Leben nach dem Leben. Aber nach allem, was ich in meinem Leben erlebt, gelesen und erfahren habe, ist in mir über die Jahre etwas gewachsen: keine Gewissheit. Sondern Vertrauen.
Und mit diesem Vertrauen möchte ich mich auf die Reise machen. Vielleicht möchtest du ein Stück mitgehen.
Dieser Beitrag gehört zu meiner Reihe „Die Reise der Seele“. Warum mich die Frage nach Tod, Sterben und dem möglichen Danach schon seit meiner Zeit als Krankenschwester begleitet, erzähle ich in meinem persönlichen Auftakt zur Reihe. Besonders bewundert habe ich in dem Zusammenhang auch Elisabeth Kübler Ross, der ich ebenfalls einen Beitrag gewidmet habe.

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