Vitamin D – mehr als nur ein Sonnenvitamin?
Vitamin D spielt für unsere Gesundheit eine wichtige Rolle. Bekannt ist es vor allem als „Sonnenvitamin“ und für seine Bedeutung für die Knochen. Doch Vitamin D erfüllt im Körper noch weitere Aufgaben und genau deshalb lohnt sich ein genauerer Blick.
Vitamin D begleitet mich inzwischen seit einigen Jahren. Nicht, weil ich einem neuen Gesundheitstrend folgen wollte, sondern weil dieses Thema für mich ganz persönlich Bedeutung bekommen hat.
In meiner Familie ist Osteoporose stark verbreitet. Auch jüngere Familienmitglieder waren bereits von Wirbelbrüchen betroffen. Bei mir selbst wurde ebenfalls vergleichsweise früh eine ausgeprägte Osteoporose festgestellt.
Als mir eine medikamentöse Behandlung empfohlen wurde, entschied ich mich aufgrund meiner persönlichen Bedenken gegenüber möglichen Nebenwirkungen dagegen. Stattdessen begann ich, mich intensiv mit Vitamin D zu beschäftigen. Ich nahm Vitamin D zusammen mit K2 ein und verband dies mit regelmäßiger Bewegung, vor allem Schwimmen und Wassergymnastik.
Zwei Jahre später zeigte sich bei meiner ärztlichen Kontrolle eine Entwicklung, die selbst meinen Arzt überraschte: Mein Befund hatte sich so weit verbessert, dass er nun als altersentsprechend beurteilt wurde.
Das ist meine persönliche Erfahrung. Sie beweist nicht, dass Vitamin D eine Osteoporose heilen oder eine notwendige Osteoporosetherapie ersetzen kann. Aber sie war für mich Anlass genug, mich noch intensiver mit Vitamin D zu beschäftigen.
Warum Vitamin D für unsere Knochen wichtig ist
Vitamin D ist wesentlich am Calcium- und Phosphatstoffwechsel und damit an der Mineralisierung unserer Knochen beteiligt. Auch für die Muskelfunktion spielt es eine Rolle – ein wichtiger Punkt gerade im Alter, wenn Muskelkraft und Sturzrisiko zunehmend Einfluss auf die Gefahr von Knochenbrüchen haben.
Die aktuelle deutsche DVO-Osteoporoseleitlinie empfiehlt bei Osteoporose eine ausreichende Calciumzufuhr und bei unzureichender oder unsicherer Vitamin-D-Versorgung in der Regel 800–1.000 IE Vitamin D3 täglich. Gleichzeitig macht die Leitlinie deutlich, dass Vitamin D zur Basistherapie gehört und eine bei hohem Frakturrisiko notwendige spezifische Osteoporosetherapie nicht ersetzt. DVO Leitlinie Osteoporose 2023
Auch Bewegung gehört für mich unbedingt dazu. Knochen sind lebendiges Gewebe. Muskeln, Gleichgewicht und Koordination wiederum helfen dabei, Stürze und damit Knochenbrüche zu vermeiden. Die DVO-Leitlinie misst körperlicher Aktivität deshalb ebenfalls einen hohen Stellenwert bei. DVO Leitlinie Osteoporose 2023
Aber wie hoch sollte Vitamin D eigentlich sein?
Und genau hier wird es interessant.
In Deutschland orientieren sich unter anderem BfR und DGE für die gesunde Allgemeinbevölkerung weiterhin an 20 ng/ml (50 nmol/l) als einem Wert, der für die Knochengesundheit nahezu aller Menschen eine ausreichende Versorgung widerspiegelt.
Unter 12 ng/ml besteht nach dieser Einordnung ein Mangelrisiko; 12 bis unter 20 ng/ml gelten als suboptimal. Das BfR weist allerdings selbst darauf hin, dass manche Labore bereits Werte unter 30 ng/ml als unzureichend bezeichnen. Bundesinstitut für Risikobewertung
Interessanterweise gibt es also schon bei der Frage:
„Was ist eigentlich ein guter Vitamin-D-Wert?“
keine weltweit einheitliche Antwort.
Die US-amerikanische Endocrine Society ist 2024 sogar einen bemerkenswerten Schritt gegangen: Sie verwendet bei grundsätzlich gesunden Menschen nicht mehr ihre frühere Einteilung, nach der mindestens 30 ng/ml als ausreichender Vitamin-D-Spiegel galten. Nach Bewertung der Studienlage lasse sich für diese Gruppe kein bestimmter optimaler Blutwert sicher festlegen. PubMed
2026: Ein neuer Expertenkonsens sorgt für Aufmerksamkeit
Im Juni 2026 erschien nun ein neuer multidisziplinärer Expertenkonsens aus Saudi-Arabien. Beteiligt waren Fachleute unter anderem aus Endokrinologie, Rheumatologie, Orthopädie, Nephrologie, Onkologie, Gynäkologie und Allgemeinmedizin. Dove Press
Und diese Expertengruppe schlägt zum Teil deutlich höhere Zielwerte vor.
Besonders auffällig ist die Empfehlung für ältere Menschen: ≥50 bis unter 60 ng/ml. Für Menschen mit bestimmten Begleiterkrankungen werden sogar Werte von ≥70 ng/ml diskutiert. Dove Press
Das ist tatsächlich ungefähr die Größenordnung, an die ich mich bei der Meldung über die „Verdoppelung“ erinnert hatte.
Aber hier ist mir eine wichtige Klarstellung wichtig:
Der medizinische Mindestwert für Vitamin D wurde in Deutschland nicht auf das Doppelte angehoben.
Es handelt sich um einen 2026 veröffentlichten regionalen Expertenkonsens aus Saudi-Arabien, der für bestimmte Bevölkerungsgruppen höhere Zielwerte vorschlägt. Das ist etwas anderes als eine Änderung der deutschen Leitlinien.
Wie wenig einheitlich die Entwicklung ist, zeigt eine ebenfalls 2026 erschienene Empfehlung aus der Türkei: Dort wird ein Bereich von 20–50 ng/ml als Zielbereich angesehen; 50–60 ng/ml gelten zwar grundsätzlich nicht als toxisch, liegen aber bereits oberhalb des empfohlenen Zielbereichs. PubMed Central (PMC)
Ich finde gerade diese Unterschiede bemerkenswert. Sie zeigen, dass die wissenschaftliche Diskussion über Vitamin D keineswegs abgeschlossen ist.
Dr. Raimund von Helden – eine andere Sicht auf Vitamin D
Schon lange bevor diese neueren Diskussionen entstanden, vertrat Dr. med. Raimund von Helden die Auffassung, dass viele Menschen mit Vitamin D nicht optimal versorgt seien und dass es nicht genüge, lediglich einen schweren Mangel zu vermeiden.
Sein Ansatz besteht darin, zunächst den persönlichen 25-OH-Vitamin-D-Spiegel zu bestimmen und anschließend anhand von Ausgangswert und Körpergewicht eine individuelle Anfangs- und Erhaltungsdosis zu berechnen.
Dafür entwickelte er den Vitamin-D-Rechner. Dieser berechnet nach Angaben des Vitamin-D-Service sowohl eine Anfangsdosis zum Auffüllen des Vitamin-D-Speichers als auch eine Erhaltungsdosis. vitamindservice.de
Vitamin-D-Rechner von Dr. Raimund von Helden
Von Helden vertritt dabei teilweise deutlich höhere Zielvorstellungen als die deutschen Fachgesellschaften. Diese Auffassung ist nicht mit einer allgemein anerkannten medizinischen Leitlinie gleichzusetzen. Für mich ist sie aber eine interessante Position innerhalb der Vitamin-D-Diskussion – und manches, was vor Jahren noch ungewöhnlich erschien, wird heute zumindest intensiver wissenschaftlich untersucht.


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Deshalb lasse ich meinen Vitamin-D-Spiegel messen
Für mich persönlich ist einer der wichtigsten Punkte:
Ich möchte wissen, wie mein eigener Spiegel aussieht.
Ich nehme Vitamin D deshalb nicht einfach jahrelang ein, ohne zu kontrollieren, sondern teste meinen 25-OH-Vitamin-D-Wert regelmäßig, ungefähr einmal jährlich.
Neben der Untersuchung beim Arzt gibt es dafür auch Selbsttests mit anschließender Laboranalyse. Ich selbst habe gute Erfahrungen mit dem Vitamin-D-Test von Cerascreen gemacht.
Für die gesunde Allgemeinbevölkerung empfehlen Fachgesellschaften allerdings kein routinemäßiges Vitamin-D-Screening. Bei Osteoporose, einem bekannten Mangel, bestimmten Erkrankungen oder einer individuell gesteuerten Supplementierung kann die Situation anders aussehen.
Gerade bei höheren Dosierungen halte ich persönlich eine Messung für sinnvoller als ein „Viel hilft viel“.
Vitamin D und Hashimoto
Auch die Verbindung zwischen Vitamin D und der Schilddrüse wird inzwischen intensiv untersucht.
Menschen mit Hashimoto-Thyreoiditis beziehungsweise Hypothyreose weisen in Studien häufiger niedrige Vitamin-D-Spiegel auf. Eine Metaanalyse randomisierter Studien mit 862 Menschen mit Hashimoto fand nach Vitamin-D-Supplementierung unter anderem niedrigere TPO- und TG-Antikörper sowie Hinweise auf Veränderungen verschiedener Schilddrüsenparameter. Die Autoren sprechen von möglichen positiven Wirkungen – nicht davon, dass Vitamin D Hashimoto heilen könne. PubMed
Eine 2026 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse mit insgesamt 4.152 Personen fand ebenfalls einen deutlichen Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Mangel und Hypothyreose; in den ausgewerteten Interventionsstudien gingen unter Vitamin-D-Supplementierung TSH und TPO-Antikörper zurück. Auch daraus lässt sich noch keine einfache Ursache-Wirkungs-Beziehung ableiten, aber der Zusammenhang bleibt wissenschaftlich interessant. PubMed
Bei einer Struma ist besondere Vorsicht mit Vereinfachungen nötig. Eine vergrößerte Schilddrüse kann verschiedene Ursachen haben. Deshalb kann man nicht sagen:
Vitamin-D-Mangel verursacht eine Struma oder Hashimoto.
Man kann aber sagen, dass Vitamin-D-Mangel bei autoimmunen Schilddrüsenerkrankungen auffällig häufig gefunden wird und derzeit weiter untersucht wird.
Und die Psyche?
Auch hier hat sich unser Blick auf Vitamin D verändert.
Vitamin D besitzt Rezeptoren in verschiedenen Geweben und wird längst nicht mehr ausschließlich im Zusammenhang mit Knochen untersucht. Seit Jahren beschäftigt sich die Forschung beispielsweise mit möglichen Zusammenhängen zwischen niedrigen Vitamin-D-Spiegeln und Depressionen, Schizophrenie, kognitiven Veränderungen und anderen neuropsychiatrischen Erkrankungen.
Eine 2026 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit bestätigt, dass niedrige Vitamin-D-Werte bei Depression und Schizophrenie häufig beobachtet werden. Sie beweist jedoch nicht, dass Vitamin-D-Mangel diese Erkrankungen verursacht oder dass Vitamin D eine psychiatrische Behandlung ersetzen könnte. Sage Journals
Auch bei älteren Menschen gibt es interessante Hinweise. Neuere Studien untersuchen Zusammenhänge mit Kognition sowie Verhaltensveränderungen wie Agitation, Aggressivität und Enthemmung. Eine aktuelle Metaanalyse randomisierter Studien fand bei Menschen ab 60 Jahren Verbesserungen in einigen kognitiven Bereichen unter Vitamin D, während andere Bereiche keine signifikanten Veränderungen zeigten. Weitere hochwertige Studien sind notwendig. PubMed
Gerade deshalb würde ich heute nicht mehr von einem nachgewiesenen Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Mangel und „paranoider Psychose“ im Sinne einer direkten Ursache sprechen.
Aber ich finde es bemerkenswert, wie weit sich die Vitamin-D-Forschung inzwischen über das reine Thema Knochen hinaus entwickelt hat.
Meine Erfahrung mit Osteoporose nach zwei Jahren
Und damit komme ich wieder zu meinem eigenen Weg zurück.
Nach zwei Jahren Vitamin D und K2, verbunden mit regelmäßigem Schwimmen und Wassergymnastik, hatte sich mein zuvor auffälliger Osteoporosebefund so positiv entwickelt, dass er bei der Kontrolle als altersentsprechend beurteilt wurde.
Das hat mich selbst gefreut – und meinen Arzt überrascht.
Trotzdem kann ich nicht sagen, welcher Anteil dieser Entwicklung auf Vitamin D, Bewegung, Ernährung, K2 oder andere Faktoren zurückzuführen war.
Und ich kann aus meinem Verlauf keine allgemeine Therapieempfehlung ableiten.
Was ich aber sehr wohl daraus mitgenommen habe, ist etwas anderes:
Wir dürfen neugierig auf unseren eigenen Körper sein.
Wir dürfen Werte hinterfragen.
Wir dürfen nachfragen, was ein Laborwert eigentlich bedeutet.
Und wir dürfen uns darüber informieren, warum ein Wert von 20 ng/ml von einer Institution als ausreichend betrachtet wird, während andere Experten 30, 40 oder sogar 50–60 ng/ml diskutieren.
Dabei müssen wir nicht jedem neuen Versprechen glauben. Aber wir müssen Wissenschaft auch nicht als etwas betrachten, das irgendwann fertig ist.
Sie verändert sich mit neuen Erkenntnissen.
Vielleicht ist Gesundheit ein wenig wie ein Weg durch den Wald: Wir müssen nicht jedem Seitenpfad folgen. Aber manchmal lohnt es sich, stehen zu bleiben, genauer hinzusehen – und eine neue Wegmarkierung zumindest wahrzunehmen. 🌿☀️
Mein persönlicher Wunsch mit diesem Beitrag ist deshalb ganz einfach:
Nicht, dass jeder Mensch möglichst viel Vitamin D einnimmt.
Sondern dass mehr Menschen sich mit ihrem eigenen Vitamin-D-Status beschäftigen, besonders wenn Risikofaktoren, Osteoporose oder andere Erkrankungen bestehen.
Denn Wissen über den eigenen Körper kann ein erster Schritt sein, bewusster für ihn zu sorgen.
Hinweis: Dieser Beitrag verbindet meine persönlichen Erfahrungen mit dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Diskussion. Er ersetzt keine ärztliche Beratung oder Behandlung. Insbesondere bei Osteoporose, Nieren- oder Nebenschilddrüsenerkrankungen, bestimmten Medikamenten sowie bei höheren Vitamin-D-Dosierungen sollte die Einnahme ärztlich begleitet werden.
